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TU Berlin

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Von der Gründung der Technischen Hochschule bis zur Einführung eines eigenständigen kunstgeschichtlichen Studienganges 1879-1968

Das Fachgebiet Kunstgeschichte ist nicht nur das älteste geisteswissenschaftliche Fach an unserer Universität, sondern gehörte 1879 im Zuge der Gründung der Königlichen Technischen Hochschule Charlottenburg zu den frühen kunstgeschichtlichen Lehrstühlen deutschlandweit (Bonn 1860, Berlin 1873). Wie im Falle der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der späteren Humboldt-Universität) gab es jedoch bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts Vorläufer kunstgeschichtlicher Lehre an den beiden Vorgänger-Institutionen der TH, der Bauakademie und der Preußischen Gewerbeakademie. Dies entsprach der anwendungsbezogenen Orientierung des Wissens im umfassenden Ausbildungskonzept ihrer Gründerväter Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) und Peter Wilhelm Friedrich Beuth (1781-1853), deren Büsten heute unseren Senatssitzungssaal im TU-Hauptgebäude schmücken.

Die kunstgeschichtliche Lehre war somit traditionell zunächst stark auf Fragen der Bau- und Architekturgeschichte sowie des Kunstgewerbes ausgerichtet, das heißt auf die Gestaltung der Lebenswelt in Geschichte und Gegenwart. Zu nennen wäre etwa der vielseitige Architektur- und Kunsthistoriker Wilhelm Lübke (1826-1896), der bis zu seiner Berufung an die ETH Zürich 1861 an der Berliner Bauakademie gelehrt hatte und durch seine umfassenden Kunst- und Architekturhandbücher bekannt ist. Die Berufung Julius Lessings (1843-1908) an die Gewerbeakademie stand im Zusammenhang mit der internationalen Konkurrenz um die Reform des Kunstgewerbes – in England etwa durch die Arts-and-Crafts-Bewegung und die Gründung des Victoria-und-Albert-Museums (1852) und in der Donaumonarchie durch die des Österreichischen Museums für Kunst und Industrie in Wien (heute Museum für angewandte Kunst MAK) 1863. Berlin folgte mit der Einrichtung des Kunstgewerbemuseums 1872, dessen Initiator und erster Direktor Lessing war. Unter seiner Ägide erfolgte auch die Errichtung des so genannten Gropius-Baus 1877-1881 und der Aufbau der zukunftsweisenden Textilsammlung. Lessing lehrte bis 1894 an der TH und erreichte durch seine Publikationen, etwa zu Altorientalischen Teppichmustern, über die Pariser Weltausstellung 1878 und vor allem durch Dutzende von "Vorlageheften" anhand der Exponate des Kunstgewerbemuseums über die engere Fachwelt hinaus ein breites Laienpublikum. Bemerkenswert war auch Lessings enger Kontakt zu den Ingenieurwissenschaften, so etwa zu seinem Kollegen, dem Maschinenbautheoretiker Franz Reuleaux (1829-1905), der 1890/91 Rektor der TH war. Lessing wurde somit zum Vertreter einer objekt- und techniknahen, praktisch-musealen und anwendungsbezogenen Kunstgeschichte, an die unsere heutige Ausrichtung wieder anknüpft.

Auch der erste regelrechte Ordinarius für Kunstgeschichte an der TH, der aus St. Petersburg gebürtige Historiker Eduard Dobbert (1839-1899), der gleichzeitig eine Professur an der Kgl. Akademie der Künste wahrnahm und 1885/86 als Rektor der TH amtierte, suchte das Fach auf Architektur und Architekturgeschichte auszurichten, was er in seiner Festrede "Die Kunstgeschichte als Wissenschaft und Lehrgegenstand" anlässlich des Geburtstages Kaiser Wilhelms I. 1886 begründete: Die "Natur des Gegenstandes [weist] den Kunsthistoriker für seine Ausbildung auf das Klarste an die TH […] Wer sich der Geschichte der Architektur widmet, wird von einem technischen Studium dieses Faches auszugehen haben". Doch war er weit von einer allzu einseitigen Auffassung entfernt. Dobbert publizierte nicht zuletzt über die italienische Kunst des Trecento und gehörte als Byzantinist zu den ersten, die Christliche Ikonographie lehrten. Zu den bekanntesten TH-Kunsthistorikern dieser frühen Phase zählt der noch an der Bauakademie zum Architekten ausgebildete Cornelius Gurlitt (1850-1938), Großvater des gleichnamigen Münchner Kunstsammlers. Gurlitt, der sich 1890 an der TH habilitierte, lehrte hier bis zu seiner Berufung nach Dresden 1893 und gilt (neben dem Wiener Alois Riegl und dem gebürtigen Schweizer Heinrich Wölfflin) als wichtigster Entdecker der lange diskreditieren Architektur des Barock, ferner als einer der Gründerväter der Sächsischen Denkmalpflege. Dabei vertrat er im damaligen Denkmalpflegediskurs bereits die moderne Auffassung des Primats des Konservierens vor dem Restaurieren und Rekonstruieren. Sein Buch "Deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts. Ihre Ziele und Taten" (1899) gilt als Standardwerk. Alfred Gotthold Meyer (1864-1904) war zu dieser Zeit Professor für die Geschichte des Kunstgewerbes an der TH. Seine posthum 1907 erschienene Monographie "Eisenbauten. Ihre Geschichte und Ästhetik" untersuchte erstmals die Auswirkungen materialgerechten Umgangs mit dem Baustoff Eisen auf die Stilbildung. Sie erschien erneut 2005 als Paperbackausgabe in französischer Übersetzung unter dem Titel "Construiere en fer – Histoire et esthétique"(!).

Der 1915 an der TH habilitierte Kunstkritiker Albert Dresdner (1866-1934) zählte in der Zwischenkriegszeit zu den prominenten Berliner Kunsthistorikern. Er lehrte zunächst als Privatdozent und von 1925 bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten 1933 als außerplanmäßiger Professor an der TH. Sein in den letzten Jahrzehnten zweimal wieder aufgelegtes Hauptwerk "Die Entstehung der Kunstkritik im Zusammenhang der Geschichte des europäischen Kunstlebens" (München 1915), gehört zu den grundlegenden Beiträgen zur Fachgeschichte. Sein Kollege Max Georg Zimmermann (1861-1919), der zeitgemäß auch über Karl Friedrich Schinkels "Kriegsdenkmäler aus Preußens großer Zeit" (1916) schrieb, publizierte mehrere Werke über Sizilien, Giotto und die oberitalische Plastik des Mittelalters. Auch Paul Schubring (1869-1935) baute diesen Italienschwerpunkt aus und arbeitete bevorzugt über die Plastik der Renaissance in Italien. Er wirkte an der TH nach seiner Habilitation von 1904-1920 als Privatdozent und ordentlicher Professor. Sein "Hilfsbuch für Kunstgeschichte. Heiligenlegenden, Mythologie, Technik, Zeittafeln" von 1909 wurde – man höre und staune – 2013 unter der Rubrik "forgottenbooks" wieder aufgelegt.

Von den während des Nationalsozialismus tätigen, überwiegend systemkonformen Kunstgeschichtsdozenten wissen wir sehr wenig: An der Fakultät für Bauwesen waren seit 1922 Bauforschung und Architekturgeschichte prominent durch Honorarprof. Dr.-Ing. e.h., Dr. phil h.c. Daniel Krencker (1874-1941) vertreten, der bis heute durch seine vorderasiatischen Ausgrabungskampagnen, namentlich in Syrien, bekannt ist und dem auch das Architekturmuseum unterstand. Denkmalpflege lehrte bis 1937 und dann wieder 1947-1950 der Architekt und damalige Provinzialkonservator von Brandenburg, Erich Blunck (1872-1950). Der außerordentliche Professor Franz Bock (1876-1940?) - nicht zu verwechseln mit dem bekannten rheinländischen Mittelalterforscher aus dem 19. Jahrhundert - war von der Universität Marburg als Vorgänger Richard Hamanns 1913 an die Kgl. Akademie Posen und von dort an die TU gekommen. Er las als Nachfolger Dresdners 1934–1940 das Pflichtpensum zur Kunst- und Stilgeschichte der frühen Neuzeit, Baugeschichte in vier Teilen sowie über ausgewählte Werke der deutschen Kunst bzw. Kunstgeschichte des nordischen Altertums und des Mittelalters und bot Übungen zu Hauptwerken der Berliner Museen an. Oskar Karpa (1899-1963), der 1929 bei Paul Clemen über gotische Reliquienbüsten promoviert worden war und 1936–1945 als Leiter der "Brandenburger Kulturabteilung" am Ministerium wirkte, übernahm ab dem Wintersemester 1942 die einzigen beiden Kunstgeschichtsveranstaltungen. Er wurde 1952 zum Landeskonservator von Niedersachsenberufen (seine "Kunstdenkmale des Landes Niedersachsen" erschienen 1958/1965). Die Aberkennung des TU-Doktortitels des bekannten, 1934 in die USA emigrierten Architekten und Kunsthistorikers Paul Zucker (1888-1971) im Jahr 1939 ging wohl nicht auf Betreiben der TU, sondern der Gestapo zurück.

1949 wurde auf Initiative der für den Bezirk Charlottenburg zuständigen Britischen Besatzungsmacht die Technische Hochschule als Technische Universität neu gegründet. Diese Neugründung war eine Konsequenz der schmerzlichen Erfahrung, wohin die Ablösung rein technologischer Effizienz von jeder humanistisch geprägten Verantwortung während des Dritten Reiches geführt hatte. Das Fachgebiet Kunstgeschichte wurde nun in die neu eingerichtete Fakultät I (Geisteswissenschaften) eingegliedert, die u.a. in Form eines "Studium generale" die Technik- und Naturwissenschaften begleiten sollte. Von 1949 bis 1967 hatte aber ausgerechnet Fritz Baumgart (1902-1983) den Lehrstuhl inne, dessen nationalsozialistische Vergangenheit offensichtlich bei der Berufung keine Rolle spielte: Baumgart hatte nach der Promotion bei Adolph Goldschmidt von 1927-1932 als Assistent und Stipendiat an der Bibliotheca Hertziana in Rom über italienische Themen gearbeitet. 1933 trat er unverzüglich in die NSDAP und in die SA ein und wirkte nach 1942 als Ordonnanzoffizier des deutschen Militärbefehlshabers General von Stülpnagelim besetzten Paris. In den 50er und 60er Jahren gelang es ihm (ohne durch eigenständige Forschungen aufzufallen), durch seine weitverbreiteten Überblickswerke, diverse Themenfelder der "abendländischen" Kunstgeschichte zu popularisieren. Für die Entwicklung des Faches an der TU bedeutete Baumgarts lange Ägide eher Stillstand, zumal die neue geisteswissenschaftliche Fakultät sich ansonsten hinsichtlich der Erforschung der Epoche der Moderne und in ihrer methodischen Ausrichtung im Bereich der Sprach- und Literaturwissenschaften, der Musikwissenschaft, Philosophie, Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie der Antisemitismus- und frühen Genderforschung in der Berliner Wissenschaftslandschaft zu einer tonangebenden Institution zu entwickeln begann.

Juli 2016
Adrian von Buttlar
(unter Verwendung von Vorarbeiten von Christoph Brachmann)


Die Entwicklung einer eigenständigen Kunstwissenschaft an der TU seit 1968

Die jüngste Phase der Entwicklung seit der Einführung der neuen Studiengänge 2004/05

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