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TU Berlin

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Die Entwicklung einer eigenständigen Kunstwissenschaft an der TU seit 1968

1969 wurde Detlef Heikamp (geb. 1927, emeritiert 1990) auf den TU-Lehrstuhl berufen - ein international renommierter Spezialist für die italienische, namentlich für die Florentiner Renaissance. Er hatte nach seiner Promotion bei Hans Kauffmann als Stipendiat am Florentiner Institut geforscht und am Nürnberger Nationalmuseum sowie an der Harvard Universität gearbeitet, anschließend an der Villa I Tatti und bis zu seiner Berufung an die TU als Privatdozent in Würzburg. Sein Engagement galt neben dem universitären Pflichtpensum in erster Linie Federico Zuccari, Benvenuto Cellini, Bartolomeo Ammanati, Baccio Bandinelli und der Kunstförderung der Medici (nach seiner Emeritierung auch in Form der großen Florentiner Ausstellung von 1997). Parallel lehrte Claus Zoege von Manteuffel (1926-2009), 1968 an der TU habilitierter Spezialist für Gottfried Semper und die süddeutsche Barockplastik, bis 1978 auf einer außerplanmäßigen Professur. Die Ausstattung mit Assistenten- und Tutorenstellen ermöglichte nach 1968 endlich die Einrichtung eines eigenständigen Magisterstudienganges "Kunstwissenschaft". Damit begann eine neue Ära der Kunsthistoriker-Ausbildung in Berlin als Alternative zur Freien Universität bzw. zur sozialistisch ausgerichteten Humboldt-Universität im Osten der Stadt: Die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Assistenten hatten durch eigene Forschungen, Publikationen und Ausstellungsinitiativen entscheidenden Anteil an dieser quantitativen und qualitativen Expansion. Zu nennen sind hier vor allem Hans-Ernst Mittig (1933-2014), der sich zunächst dem Denkmalkult des 19. Jahrhunderts widmete und in seiner Assistentenzeit 1970-1974 (anschließend Professor an der Hochschule der Künste Berlin) gemeinsam mit dem 1971 eingestellten Assistentenkollegen Klaus Herding (geb. 1939, später Professor in Hamburg und dann Lehrstuhlinhaber in Frankfurt am Main), die kritische Aufarbeitung der NS-Architektur bzw. der NS-Kunst einleitete.

1979 gelang es Heikamp, dauerhaft eine zweite Professur einzurichten und mit Wolfgang Wolters (geb. 1935, am Institut tätig bis zur Pensionierung 2000) zu besetzen. Mit ihm gelangte ein sowohl in der Forschungsorganisation wie in der Baugeschichte, Denkmalpflegepraxis und Denkmaltheorie erfahrener Wissenschaftler an die TU. Sein Forschungs- und Arbeitsschwerpunkt war (und ist bis heute) die Kunst- und Architekturgeschichte der Neuzeit, insbesondere Venedigs: Wolters war vor seiner Berufung Assistent am Kunsthistorischen Institut in Florenz, 1971 Gründungsdirektor des Deutschen Studienzentrums in Venedig und von 1974 bis 1979 Referent am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. Er lehrte gleichzeitig an der LMU München, wo er sich über die Bildprogramme des Dogenpalastes habilitiert hatte. Zahlreiche seiner Publikationen und der von ihm verantworteten Kolloquien, Tagungen und Gutachten sind der Erforschung Venedigs und seiner Rettung gewidmet. Unter Wolters´ Führung nahm die internationale Vernetzung und die Außenwirkung der TU-Kunstgeschichte, die nun mit den Fachgebieten der Geschichte im "Institut für Geschichte und Kunstgeschichte" verbunden war, erheblich zu. So wurde 1992 eine Kooperations-Vereinbarung mit den entsprechenden Fachgebieten der Technischen Universität Istanbul (ITÜ) abgeschlossen und durch Austausch von DozentInnen und MitarbeiterInnen wie etwa der Archäologin Zeynep Kuban, durch gemeinsame Kolloquien und bilaterale Exkursionen nach Istanbul und Berlin umgesetzt. 1986 richtete das Fachgebiet an der TU den 20. Deutschen Kunsthistorikertag unter dem Titel "Bewahren - Erklären - Gebrauchen. Die Kunstwissenschaft und das künstlerische Erbe" aus, 1992 beteiligte es sich maßgeblich an der Konzeption des XXVIII. Internationalen Kongresses für Kunstgeschichte in Berlin. Als Vorsitzender des "Beirats für Baudenkmale" konnte Wolters 1992 die Abfassung eines denkmalpflegerischen Gutachtens für den Wettbewerb zur Wiederherstellung des Neuen Museums auf der Museumsinsel durch angesehene Fachleute aus Ost und West erreichen, das 1994 unter dem Titel "Das Neue Museum in Berlin. Ein denkmalpflegerisches Plädoyer zur ergänzenden Wiederherstellung" veröffentlicht wurde und auf dem David Chipperfields nach 1997 weiterentwickeltes Projekt basiert. Unter Wolters´ Leitung hat die "Arbeitsgruppe Baukunst" später in zahlreichen Sitzungen in den Räumen des Neuen Museums das Restaurierungskonzept der einzelnen Räume überprüft und verabschiedet. Diese Tätigkeiten begründeten eine durch Adrian von Buttlar 1995-2009 und Kerstin Wittmann-Englert seit 2009 fortgeführte Tradition in der Leitung des Berliner Landesdenkmalrates.

Intern wurde in der Ära Wolters der Studiengang weiter ausgebaut und im Sinne eines TU-spezifischen Profils reformiert sowie hinsichtlich des Lehrangebots ergänzt, u.a. durch Lehraufträge an Museumspraktiker und Restauratoren wie etwa Bodo Buczinski, Leitender Skulpturenrestaurator am Bodemuseum (an der TU tätig 1984-2014), sowie durch die Ernennung des Honorarprofessors Dietrich Kötzsche (1930-2008), Hauptkustos des Berliner Kunstgewerbemuseums und renommierter Spezialist für mittelalterliche Schatzkunst. Eine möglichst objektnahe Ausbildung, u.a. durch Übung vor Originalen, Exkursionen und obligatorische Kenntnisse der lokalen und regionalen Kunst in der so genannten "Zwischenprüfung Berlin/Brandenburg" waren gefordert. Die Zusammenarbeit mit der Architekturfakultät wurde erheblich verstärkt: Die Zusammenlegung der Seminarbibliothek Kunstgeschichte und der Fachbereichsbibliothek Architekturgeschichte im Architekturgebäude ließ im Scharounbau eine in Berlin konkurrenzlose Fach- und Präsenzbibliothek entstehen.

1990 hatte Robert Suckale (geb. 1943, am Institut tätig bis 2004), einer der profiliertesten deutschen Mittelalterforscher mit bis in die Moderne ausgedehnten Interessen, die Nachfolge von Detlef Heikamp angetreten. Damit erhielt das Fachgebiet neue Schwerpunkte: Nun bekam die Kunstgeschichte Frankreichs und Ostmitteleuropas ein stärkeres Gewicht. Über das Themenfeld der französischen Gotik im gemeinsam mit Dieter Kimpel verfassten Standardwerk "Die gotische Architektur in Frankreich 1130-1230" (1985, ²1995) hinaus forschte Suckale u.a. im Rahmen von DFG-Projekten zur mittelalterlichen Buch- und Tafelmalerei, namentlich zur fränkischen Malerei vor Dürer, zu den mittelalterlichen Damenstiften als Bastionen der Frauenmacht (2001), zur "Kunst und Kultur der Ära der Jagiellonen" sowie zur Architektur und Kunst des 19. Jahrhunderts. Er veröffentliche 1998 eine weithin beachtete "Geschichte der Kunst in Deutschland" und beteiligte sich an großen internationalen Ausstellungen – wie etwa "Krone und Schleier. Die Kunst der geistlichen Frauen im Mittelalter" (2005) in Kooperation mit den Kollegen der Harvard-University, deren Visiting Fellow er seither ist. Vom Courtauld Institute of Art erhielt Suckale 2011 die Ehrendoktorwürde, 2014 wurde er zum Honorary Fellow der American Academy of Arts and Sciences gewählt.

1996 gelang es Suckale und Wolters gemeinsam mit den Kollegen der Bamberger Otto-Friedrichs-Universität, das neunjährige interdisziplinäre DFG Graduiertenkolleg "Kunstwissenschaft – Bauforschung – Denkmalpflege" einzuwerben, das nicht zuletzt zu einer engeren Verzahnung mit der Architekturfakultät führte: Daran war neben dem Fachgebiet "Baugeschichte" (Johannes Cramer) auch die neue Professur für Bauforschung und Denkmalpflege (Dorothee Sack) beteiligt, unter deren Regie der Aufbaustudiengang (heute Masterstudiengang) Denkmalpflege eingerichtet wurde. Aus dem interdisziplinären Kolleg ging eine große Gruppe mittlerweile anerkannter BauforscherInnen und ArchitekturhistorikerInnen hervor. Nach dem Ausscheiden von Wolters nahmen Christine Hoh-Slodczyk (Pitz & Hoh, Werkstatt für Architektur und Denkmalpflege) und Gabi Dolff-Bonekämper (damals Landesamt für Denkmalpflege, seit 2005 Professorin des FG Denkmalpflege am Institut für Stadt und Regionalplanung der TU) praxisorientierte denkmalfachliche Lehrveranstaltungen im Rahmen des Kunstgeschichtsstudiums wahr. Suckale und sein damaliger Assistent Christoph Brachmann brachten 1999 zur Jubiläumsausstellung der TU den aus einem interdisziplinären Projektseminar hervorgegangenen Band "Die Technische Universität Berlin und ihre Bauten. Ein Rundgang durch zwei Jahrhunderte Architektur- und Hochschulgeschichte" heraus, der die Integration der Kunst- und Architekturforschung in das Gesamtspektrum der Universität anschaulich demonstrierte. Ferner wurde 2001 unter Suckales Federführung das fakultätsübergreifende Forum eines "Schinkelzentrums für Architektur, Stadtforschung und Denkmalpflege" wiederbelebt, das zeitweilig die Forschungsaktivitäten auf den Gebieten Architektur- und Kunstgeschichte, Bauforschung, Denkmalpflege und Städtebau/Stadtsoziologie unter der Geschäftsführung des Leiters der Architektursammlung (heute wieder des Architekturmuseums) der TU, Hans-Dieter Nägelke, zusammenführte (leider musste diese Initiative im Zuge der radikalen Sparmaßnahmen der TU nach 2005 wieder aufgegeben werden).

Hervorzuheben ist in dieser zweiten Entwicklungsphase auch die Förderung eines hochqualifizierten wissenschaftlichen Nachwuchses auf den Assistenten-und Mitarbeiterstellen: u.a. Sigrid Schade (später Professorin an der Zürcher Hochschule der Künste), Werner Schnell (später Professor am Kunstgeschichtlichen Seminar der Universität Göttingen), Ilka Kloten (freie Kunsthistorikerin München), Florian Zimmermann (später Professor an der Münchner Hochschule), Gabriele Bickendorf (Lehrstuhlinhaberin an der Universität Augsburg), Magdalena Bushart (Lehrstuhlinhaberin an der Universität Stuttgart und seit 2008 als Nachfolgerin von Robert Suckale wieder an unserem TU-Institut), Klaus Krüger (Lehrstuhlinhaber an der FU Berlin), Bernd Nicolai (Lehrstuhlinhaber an der Universität Bern), Gregor Wedekind (Lehrstuhlinhaber an der Universität Mainz), Carola Jaeggi (Lehrstuhlinhaberin an der Universität Zürich), Christoph Brachmann (Distinguished Professor of Art History an der University of North-Carolina at Chapel Hill), Lars Blunck (Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg), Kerstin Wittmann-Englert (seit 2010 apl. Professorin an der TU).

Juli 2016
Adrian von Buttlar
(unter Verwendung von Vorarbeiten von Christoph Brachmann)


Von der Gründung der Technischen Hochschule bis zur Einführung eines eigenständigen kunstgeschichtlichen Studienganges 1879-1968

Die jüngste Phase der Entwicklung seit der Einführung der neuen Studiengänge 2004/05

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