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TU Berlin

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Ein Schwede in Berlin

Alfred Grenander, 1913,Nachlass Grenander Privatbesitz, Stockholm
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Das Oeuvre Alfred Grenanders im Kontext der Berliner Architekturgeschichte (1892-1930)

Der 225. Geburtstag Karl Friedrich Schinkels, der 75. Todestag Alfred Grenanders sind beides zu feiernde Jubiläen des Jahres 2006. Verbunden sind sie mit zwei sehr unterschiedlich wahrgenommenen und gewürdigten Persönlichkeiten, die Berlin auf ihre Weise architektonisch geprägt haben. Beide waren sie in ihrer Zeit über die Stadt hinaus gerühmte Neuerer der zeitgenössischen Architektur und Produktgestaltung; beide waren die Schüler der Berliner Bauakademie bzw. der aus ihr hervorgegangenen Technischen Hochschule Berlin-Charlottenburg. Bemerkenswerterweise scheint es gerade deren Gründung 1879 durch die Vereinigung von Bau- und Gewerbeakademie gewesen zu sein, die den jungen Grenander damals von Stockholm nach Berlin lockte. Zumindest fällt auf, dass seine Übersiedlung in die Reichshauptstadt ausgerechnet 1885, d. h. unmittelbar nach Eröffnung des monumentalen Neubaus der Hochschule an der Berliner Straße (heute: Straße des 17. Juni) erfolgte.

Viadukte der Hochbahnstrecke in der Schönhauser Allee um 1910
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Trotz seines unbestrittenen Anteils an der Entwicklung zur Weltstadt und modernen Architekturmetropole gehört der Schwede Alfred Grenander zu den großen Unbekannten der deutschen Architekturgeschichte: Sein maßgebliches Werk als Chef-Entwerfer der Berliner Hoch- und Untergrundbahn über drei Jahrzehnte ist dem seines heute berühmten Kollegen Peter Behrens (1868-1940) ebenbürtig.

Hochbahnhof Eberswalder Straße um 1910 Wittig 1922
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Ähnlich wie dieser für die AEG, schuf Grenander mit seinen Hochbahn-Viadukten und etwa 70 U-Bahnhöfen Industriedesign ›aus einem Guss‹, dessen konstruktive Klarheit, Funktionalität und werbewirksame Zeichenhaftigkeit bis heute besticht. Auch die Villen- und Industriebauten des Künstlers sowie seine Innenraumgestaltungen und Möbelentwürfe gehören zu den überzeugenden Leistungen der Kunstgewerbe- und Architekturreform im frühen 20. Jahrhundert.
Anlässlich seines 75jährigen Todestages findet im Deutschen Technikmuseum Berlin bis zum 29. April 2007 eine Ausstellung über Leben und Werk Alfred Grenanders statt. Sie wurde von der Schwedischen Botschaft Berlin in Kooperation mit dem Technikmuseum initiiert und organisiert. Die wissenschaftliche Bearbeitung des umfangreichen Ausstellungskataloges, auf dem auch die Texte der Ausstellung basieren, lag in den Händen des Fachgebiets Kunstgeschichte der TU Berlin unter Leitung von Christoph Brachmann sowie von Thomas Steigenberger, Berlin. Dank des sogenannten ›Tagebuchs‹ konnte der künstlerische Werdegang und das Oeuvre des Architekten weitgehend rekonstruiert und viele Bauten neu- bzw. wiederentdeckt werden.

Auszug aus dem "Tagebuch" Alfred Grenanders mit einer Auflistung seiner Freunde und Bekannten und der wichtigsten Werke. Privatbesitz, Stockholm
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Landhaus Reich in Schmöckwitz von 1919-20, gehört zu den bisher unbekannten Bauten des Architekten in Berlin. T. Steigenberger
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Von ganz besonderem Interesse ist hierbei das unweit des südschwedischen Fährhafens Trelleborg in Falsterbo gelegene Sommerhaus Tångvallen der Familie, ein ›englisches‹ Landhaus, das die Reformbestrebungen der ausgehenden Arts-and-Crafts- und Jugendstil- Bewegung in nahezu einzigartiger Dichte und Qualität widerspiegelt.

Adressaufkleber für den Frachtversand nach Schweden auf einem Möbel in Falsterbo, 7. Dezember 1931. Ein Beleg dafür, dass zumindest Teile des Berliner Nachlasses nach dem Tod Grenanders nach Schweden überführt wurden
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Während in Berlin selbst nach den Zerstörungen der Kriegs- und Wiederaufbaujahre noch 2006 eine Villa Alfred Grenanders abgerissen wurde, ist dessen Wohn- und Ferienhaus in Schweden dank der Nachkommen nahezu unverändert erhalten geblieben. Mitsamt der wandfesten Ausstattung gehört Haus Tångvallen zu den wenigen Zeugnissen für die Reformbestrebungen der deutschen Kunstgewerbe- und Raumkunstbewegung im frühen 20. Jahrhundert. Wiederaufgefunden wurden hierin zahlreiche Möbel, Beschläge und Lampen aus den wohl fruchtbarsten zwei Jahrzehnten des Raumkünstlers und Designers von etwa 1900-1920. Nur aus zeitgenössischen Publikationen waren die Entwürfe bislang bekannt.

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Ebenfalls erhalten blieben Teile des persönlichen Nachlasses, die wichtige Erkenntnisse über persönliche wie geschäftliche Beziehungen Grenanders zu seinen Auftraggebern und Architekten-Kollegen ermöglichen. Und mit Hilfe des sogenannten "Tagebuchs" konnten einige Werke neu zugeordnet werden.


Vom Historismus zum Neuen Bauen

Als Grenander 1885 von Stockholm nach Berlin übersiedelte, um an der Technischen Hochschule, der heutigen TU, sein Architekturstudium fortzusetzen, war zunächst nur ein vorübergehender Aufenthalt in der deutschen Hauptstadt geplant. Ähnlich wie später auch Henry van de Velde zog Grenander die künstlerische Aufbruchsstimmung in Berlin an. Deutschland wurde damals als »das ›amerikanischste‹ Land Europas«wahrgenommen, in dem sich technische und architektonische Innovationen wie nirgendwo sonst auf dem Kontinent durchsetzen konnten.

1888-97 arbeitete Grenander im Baubüro des Reichstagsarchitekten Paul Wallot und konnte sich gleichzeitig durch eigene Entwürfe bereits einen Namen machen.

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Seine frühen, zusammen mit seinem Schwager Otto Spalding errichteten Bauten, wie das Paul Riebeck-Stift in Halle (1894-96) sind noch ganz im Sinne der damaligen Zeit aus Vorbildern v. a. des Mittelalters und der Renaissance zusammenkomponiert. Bald jedoch emanzipierte sich Grenander von der damals üblichen Stilarchitektur. Beim Entwurf für das Wohnhaus Otto Spaldings in Berlin-Südende (1901-02, im Zweiten Weltkrieg zerstört) ließen sich Spalding & Grenander beispielsweise von der englischen Arts & Crafts-Bewegung und modernen amerikanischen Wohnhäusern im sogenannten »shingle-style« beeinflussen, lange bevor Hermann Muthesius’ erste »Landhäuser« in Berlin entstanden. Im Vergleich zum damals üblichen Wohnhausbau in Deutschland ist es von geradezu radikaler Schlichtheit und Modernität.

Haus Spalding II kurz nach der Fertigstellung
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Haus Spalding II (rechts) und im Hintergrund das 1903 ebenfalls von Spalding und Grenander errichtete Mietshaus in der Brandenburgischen Straße 15-15A.
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Die wichtigsten beruflichen Weichenstellungen in Grenanders Leben waren seine Berufung als Architekturlehrer an die »Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums« 1897 und die im Jahr 1900 beginnende Entwurfstätigkeit für die Berliner Hoch- und Untergrundbahn-Gesellschaft. Beide Ämter banden Grenander fest an Berlin und er bekleidete sie mit Enthusiasmus und großem Erfolg über mehr als 30 Jahre.

Erstaunlich ist die Entschiedenheit, mit der der Künstler zeitlebens immer wieder Anschluss an die seinerzeit fortschrittlichen Architekturströmungen suchte und niemals auf einmal gefundenen Lösungen beharrte. Selbst in den Zwanziger Jahren fand Grenander einen ganz eigenständigen Zugang zu den vorwiegend von einer jüngeren Generation vertretenen Strömungen des Neuen Bauens. Seine fünf zwischen 1927 und 1930 errichteten Umformerwerke ( u. a. Bastianstraße 6 und Hermanstraße 5-6) und das an Entwürfen Mies van der Rohes orientierte Bürohaus in der Rosa-Luxemburg-Straße 2 von 1928-30 belegen eindrucksvoll die Wandlungsfähigkeit des Architekten.

Licht und Farbe
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Sein Hauptwerk sind die zwischen 1900 und 1931 errichteten Verkehrsbauten. Zusammen mit den Ingenieuren Johannes Bousset und Hermann Zangemeister schuf er damals das technisch fortschrittlichste und architektonisch innovativste U-Bahn-Netz der Welt. Vorbildlich sind bis heute die funktional-übersichtliche Grundrissanordnung und Wegeführung der großen Umsteigebahnhöfe (Wittenbergplatz 1911-13, Herrmannplatz 1923-27, Alexanderplatz 1928-30) und das von Grenander eigens entwickelte Leitsystem in den einzelnen Stationen. Von der Schrifttype der Stationsschilder, den Anzeigetafeln und Sitzbänken, bis hin zu einer wohlüberlegten Licht- und Farbregie zeugt nahezu jedes Detail von der souveränen Handschrift des Architekten, der »es in unvergleichlicher Weise« verstand, »die Nutzform selbst zur Schönheitsform zu entwickeln« (Arthur Fürst, 1924).

Licht und Farbe
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Möbelentwürfe und Raumkunst


Weitgehend unbekannt ist das Werk des Innenarchitekten Alfred Grenander, das 1902 mit einer Ausstellung des »Vereins für Deutsches Kunstgewerbe« in der Akademie der Künste einsetzt. Unter seiner Regie zog »luftiger Wiener Sezessionsfrühling« in die »grau-ehrbare[n]« Räume am Pariser Platz ein (. In das gleiche Jahr 1902 fiel die Gründung der Berliner Künstlervereinigung »Werkring«, der neben Alfred Grenander u. a. August Endell, Albert Gessner und Bruno Möhring angehörten. 1904 leitete Grenander den Auftritt dieser Gruppierung auf der Weltausstellung in St. Louis und gestaltete hierfür ein Damen- und ein Herrenzimmer sowie zwei Pavillonbauten. In seinem Damenzimmer präsentierte er Jugendstilmöbel aus erlesenen Materialien: Afrikanischem Mahagoniholz mit Einlegearbeiten aus Elfenbein, Zink und Palisander. Das zugehörige Sofa mit der leicht nach innen schwingenden Sitzfläche und Zarge, aus welcher die filigrane Arm- und Rückenlehne hervorwächst, ist eine elegante und überzeugende Mischung aus Jugendstil- und Biedermeierformen und gehört zum Besten, was die deutsche Raumkunst um 1900 hervorgebracht hat.

Sofa aus Grenanders Damenzimmer auf der Weltausstellung in St. Louis 1904
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Von seinen Zeitgenossen wurde Alfred Grenanders »baukünstlerische Schöpferkraft« und sein »ausgesprochene[r] Sinn für Materialgerechtigkeit« stark wahrgenommen und gewürdigt. Als Innenarchitekt sei er der »am stärksten modern empfindende Künstler« Berlins. So muss verwundern, dass bisher kein Berliner Museum Arbeiten Grenanders bzw. des »Werkring« ausgestellt oder gesammelt hat und auch die Bauten des Architekten wenig Beachtung und Wertschätzung finden. Die anhaltende und großteils unnötige Zerstörung der denkmalgeschützten U-Bahnhöfe ist hierfür ein ernüchterndes Beispiel.


Grenander-Tagung an der TU 10.-11. Februar 2007

Ziel der Tagung ist es, den Blick auch auf die Zeitgenossen Grenanders zu lenken und deren Positionen in der Berliner Architekturgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts genauer zu verorten. Namhafte Wissenschaftler kommen ebenso zu Wort wie jüngere Forscher. Am Beispiel des vielfältigen Grenanderschen Oeuvres mit seinen gleichermaßen innovativen wie konservativen Zügen soll hinterfragt werden, inwieweit eine bis heute oftmals noch auf Entwicklungslinien basierende Architekturgeschichtsschreibung tatsächlich aufrecht zu erhalten ist. Ausländische Einflüsse finden ebenso Berücksichtigung, wie das Werk bekannter Kollegen Alfred Grenanders. Beiträge sind u.a. Albert Gessner (1868-1953), Alfred Messel (1853-1909) und Emil Schaudt (1871-1957) gewidmet. Stefan Muthesius fragt nach dem Vorbild Englands, Teppo Jokinen und Nikolaus Bernau untersuchen die Bedeutung der skandinavischen Länder. Eine abschießende Podiumsdiskussion am Sonntag Abend (18.45 Uhr) stellt die Frage nach dem denkmalpflegerischen Umgang mit Grenanders U-Bahnhöfen der Zwanziger Jahre, die oftmals weitgehenden Zerstörungen ausgesetzt sind. Eingeladen sind u.a. der Landeskonservator Prof. Jörg Haspel und Uwe Kutscher von der BVG.

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